7. Das Jugendamt steht vor der Tür

Wie bereits erwähnt überträgt das Amtsgericht dem örtlich zuständigen Jugendamt die Prüfung, ob die Adoption gut wäre für das Kindeswohl. Ein paar Wochen nachdem wir alle erforderlichen Unterlagen an das Amtsgericht geschickt haben, sandte uns das Jugendamt einen dicken A4-Briefumschlag.

Diesmal mussten wir folgende Dokumente ausfüllen:

  1. Papa muss einen „ausführlichen Lebensbericht“ verfassen, „dieser soll insbesondere enthalten: Kindheit, Erziehung, Verhältnis zu Eltern und Geschwistern, Schul- und Berufsausbildung, Berufstätigkeit, Partnerschaft und Freizeitgestaltung“. Das Schreiben fällt mir nicht schwer, so dass es ein bisschen über zwei Seiten in 12 Punkt großer Schrift geworden sind.
  2. Unser Hausarzt musste auf einem Formblatt (vom Jugendamt mitgeschickt) bestätigen, dass beim Papa keine körperlichen oder geistigen Gebrechen vorliegen, die der Aufnahme eines Adoptivkindes im Wege stehen. Unter anderem wird geprüft auf ansteckende Krankheiten (HIV, Hepatitis), lebensverkürzende Krankheiten (u.a. ausgeprägte Herz-, Kreislauf oder auch Krebserkrankungen) oder Krankheiten, die die Erziehungs- und Erwerbsfähigkeit beeinträchtigen (Sucht, Depressionen etc.). Die Krankenkasse bezahlt diese Untersuchungen natürlich nicht.
  3. Ein allgemeiner Fragebogen des Jugendamts mit Fragen zum Einkommen, Religion, seit wann verheiratet, weiteren Kindern usw. Vier sehr großzügig beschriebene Seiten. Gleichzeitig müssen Papa und Mama hier auch bestätigen, dass sie die Kosten der Adoption tragen.
  4. Ein Fragebogen vom Jugendamt für den Papa, siehe unten.
  5. Ein Fragebogen vom Jugendamt für die Mama, ebenfalls unten.

Beispielhafte Fragebögen für Papas und Mamas sind offen im Internet zugänglich, so dass es keinen Grund gibt, die Fragen hier nicht einzustellen.

Die Fragen an den Adoptierenden, den Papa:

  1. Warum wünschen Sie die Adoption?
  2. Welche Überlegungen haben Sie auf den Gedanken gebracht, das Kind zum jetzigen Zeitpunkt zu adoptieren?
  3. Was ist Ihnen in Zusammenhang mit der Adoption am wichtigsten?
  4. Welche Veränderungen erwarten Sie durch diese Adoption?
  5. Welche Erwartungen haben Sie an das Kind und seine persönliche Entwicklung? (Verhalten, Schule, Beruf)
  6. Wie gestaltet sich der Kontakt des Kindes zum leiblichen Elternteil, mit dem es nicht zusammenlebt? Wie wirken sich diese Kontakte auf Ihr Familienleben aus?
  7. „Für mich ist es ganz normal, dass unser Kind noch einen dritten Elternteil hat.“ Wie stehen Sie zu diesem Satz? Vor der Adoption und nach der Adoption?
  8. Möchte das Kind Ihrer Einschätzung nach von Ihnen adoptiert werden – und warum?
  9. Welche Veränderungen würden aus Ihrer Sicht auf das Kind zukommen?
  10. Welche Veränderungen sehen Sie für die übrige Familie?
  11. In welchem Rahmen haben Sie bereits Elternverantwortung übernommen?
  12. Beschreiben Sie Ihre Beziehung zum Kind, das Sie adoptieren möchten. Wie hat sich diese Beziehung entwickelt?
  13. Was hätte es für Konsequenzen, wenn Ihrem Antrag nicht entsprochen würde?

Und hier die Fragen an die Mutter des zu adoptierenden Kindes:

  1. Weshalb wünschen Sie, dass Ihr jetziger Ehegatte eine rechtliche Beziehung zum Kind einnimmt?
  2. Weshalb wünschen Sie eine Adoption zum jetzigen Zeitpunkt?
  3. Von wem ging der Wunsch nach Adoption aus? Wann wurde der Adoptionswunsch erstmalig geäussert?
  4. Wie wird sich die Adoption auf Ihren Alltag auswirken? Welche Veränderungen wird es geben?
  5. Welche Vorteile sehen Sie in der Adoption für Ihr Kind?
  6. Gibt es eventuell Nachteile für Ihr Kind?
  7. Welche Eigenschaften Ihres Ehegatten in seiner Rolle als Vater schätzen Sie am meisten?
  8. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Beziehung zwischen Ihrem jetzigen Ehegatten und dem anzunehmenden Kind im Lauf der Zeit entwickelt? Welche Veränderungen sind eingetreten?
  9. Haben Sie Ihr Kind darüber informiert, dass Ihr jetziger Ehepartner nicht sein leiblicher Elternteil ist?
  10. Haben Sie mit Ihrem Kind über die Adoption gesprochen und in welcher Weise?
  11. Wie hat Ihr Kind reagiert?
  12. Wie gestaltete sich nach Ihrer Trennung vom anderen leiblichen Elternteil Ihres Kindes der weitere Kontakt zu diesem Elternteil?
  13. Was haben Sie zur Förderung des Kontakts zwischen Kind und dem annehmenden Elternteil getan?
  14. Wie Sie vermutlich wissen, muss jeder leibliche Elternteil grundsätzlich in die beantragte Adoption einwilligen. Falls die Einwilligung des anderen Elternteils vorliegt: Was denken Sie, welche Beweggründe diesen Elternteil zur Einwilligung veranlasst haben?

Ein benachbarter bayerischer Landkreis hält die Fragebögen als PDF-Formular zum Ausfüllen am PC bereit. „Unser“ Landkreis schickte uns die Fragebögen in Papierform. Wir haben die beiden Fragebögen aber nicht handschriftlich ausgefüllt, sondern entsprechend der Originalnummerierung am PC beantwortet – in ordentlicher Form und mit den abgetippten Originalfragen darüber. Das entbindet elegant von der Vorgabe, immer nur drei oder vier Zeilen schreiben zu dürfen bzw. von dem Eindruck, die vorgegebenen Zeilen füllen zu müssen.

Wir haben die Fragen grundsätzlich so ausführlich beantwortet, wie wir es für richtig gehalten haben. Die Frage „Papa 10“ (Welche Veränderungen sehen Sie für die übrige Familie?) haben wir beispielsweise ganz einfach mit dem Wort „Keine“ beantwortet, während die Frage „Papa 12“ (Beschreiben Sie Ihre Beziehung zum Kind, das Sie adoptieren möchten. Wie hat sich diese Beziehung entwickelt?) richtig ausführlich beantwortet wurde. Natürlich sollte man die Fragen wirklich ehrlich beantworten.

Ein Zitat aus dem Anschreiben vom Jugendamt: „Sobald Ihre Unterlagen bei uns eingegangen sind, werden wir uns wegen eines Termins für ein erstes persönliches Kennenlernen mit Ihnen in Verbindung setzen.“

Für ein „erstes Kennenlernen“? Wie oft wollen die denn vorbeikommen? Wollen die bei uns einziehen?

Zwei Wochen nachdem wir die Unterlagen abgeschickt haben, kam ein Anruf vom Jugendamt: Wir würden in der ersten Novemberwoche Besuch bekommen.
Pünktlich zum vereinbarten oder besser gesagt zugewiesenen Termin kamen zwei Damen vom Jugendamt. Nach eigenen Angaben war die jüngere eine Praktikantin, aber ich kann mir gut vorstellen, dass solche Besuche immer zu zweit abgewickelt werden.

Der Besuch verlief absolut problemlos und angenehm. Es handelte sich um eine nette Plauderei, in der wir einfach die Sachen wiederholen mussten, die wir schon in die Fragebögen geschrieben haben. (Deswegen sollte man die Fragebögen auf jeden Fall ehrlich beantworten. Denn spätestens hier fällt auf, wenn man Sachen geschrieben hat, hinter denen man nicht steht oder die man irgendwo im Internet gefunden hat.) Schließlich wollten die Damen dann noch die Zimmer der Kinder sehen.

Als die Damen uns nach über zweieinhalb Stunden wieder verlassen wollten, haben wir uns dann doch getraut zu fragen, wie es jetzt weitergehen würde und ob sie die Adoption befürworten würden oder nicht.

Ja, natürlich würden sie die Adoption befürworten. In unserem Fall würde es keinerlei Probleme geben. Außer bei offensichtlichen Fällen von fehlender Zuneigung oder in sozial auffälligen Familien würde das Jugendamt nur seine Zustimmung verweigern bei Adoptionen älterer Personen, die in erster Linie zur Umgehung der deutschen Ausländergesetzgebung stattfinden sollen.

Unser Fazit: Viel Schreibkram und knapp drei Stunden Besuch. Dann war wieder Ruhe für zwei Monate.